Thomas saß mir Schweißgebadet gegenüber. Sein aufgesetztes Lächeln hatte sich von jetzt auf gleich in eine schmerzverzerrte Fratze verwandelt. Das Fieber von gestern Nacht schien wieder da zu sein, vielleicht war es auch gar nicht wirklich weg.

  „Thomas, Liebling, alles OK mit dir? Was hast du?“

  Thomas verzog den Mund, seine Stirn gerunzelt. „Diese verdammten Schmerzen. Ich nehm noch ne Tablette, Schatz, dann ist alles wieder gut.“ Er stand auf und ging ins Bad. Angespannt verfolgte ich seine leicht taumelnden Schritte, die abrupt hinter der Badezimmertür verstummten. Ich hörte, wie er etwas ins Waschbecken fallen ließ, was mit einem lauten Klirren endete. „Verdammt.“

  „Thomas, darf ich reinkommen? Brauchst du Hilfe?“ rief ich durch die Tür. Es folgte keine Antwort. Ich war gerade dabei, die Tür aufzuschieben, als sie mir mit einem Knall vor der Nase zugeschlagen wurde. Im selben Augenblick wurde der Schlüssel hastig im Schloss umgedreht. „Was ist denn nur los mit dir?“ schrie ich wütend, versuchte den Mann hinter der Tür zu erreichen.

  „Verschwinde.“ raunte Thomas mir zu und versuchte es mit einem „Bitte.“ freundlicher klingen zu lassen. „Ich erkläre dir alles… später.“

  „Wann denn? Du verschwindest doch ständig.“ rief ich vorwurfsvoll durch die Tür. Und auch wenn uns nur ein etwa vier Zentimeter dickes Holz trennte, so schien mir mein Freund auf einmal so weit weg. Genervt ging ich zurück an den Frühstückstisch. Ich hatte keinen Appetit mehr und starrte einfach Gedankenverloren aus dem Fenster.

  Das leise Knacken des Schlosses rief mich zurück und ich sah zur Wohnzimmertür. Thomas stand vor mir in der Tür, die in unsere offene Küche und das Wohnzimmer führte, er wirkte wie ein Häufchen Elend. Langsam kam er auf mich zu, setzte sich zu mir und versuchte mich mit einem Lächeln zu beruhigen. „Alles OK, meine Liebe. Es geht mir besser.“

  Ein Blick und ich sah die Lüge in seinem Blick, aber ich sah noch etwas: Angst.

 

*

 

Ich wollte gerade aufstehen, um den Tisch frei zu räumen, als Thomas gehetzt aufsprang, wobei er den Stuhl umwarf, der mit einem lauten Scheppern auf die Küchenfliesen donnerte. Vor lauter Schreck ließ ich den Frühstücksteller samt Messer auf den Boden fallen, was nicht weniger laut war. Noch bevor ich begriff, was passiert war, sah ich nur noch, wie Thomas erneut ins Badezimmer stürmte, dabei stolperte, sich fluchend aufraffte und im Bad verschwand.

  Ich kannte ihn schon sehr gut, wusste, wann ich ihm auf die Pelle rücken durfte und wann nicht und dies war so ein Augenblick, wo ich es lieber lassen sollte. Also holte ich das Kehrset und fegte die auf dem Boden verstreuten Tellerstücke zusammen, die mit einem lauten Klirren im Müll verschwanden. Mein Lieblingsteller, typisch. dachte ich. Ich befeuchtete einen Lappen, ging zum Tisch. Eigentlich wollte ich die Marmeladenflecken vom Boden wischen, als ich auf Thomas Seite ein paar frische Bluttropfen entdeckte. Ich befand mich direkt unter dem Tisch und stieß mir tierisch den Kopf, als mich ein lautes Knallen hochschnellen ließ.

  Im Badezimmer ging etwas vor sich, was nicht normal zu sein schien. Immer wieder stöhnte Thomas, er musste große Schmerzen haben, stieß etwas um, kurze Ruhe, dann wieder Lärm, hin und wieder das erneute Poltern gegen die Tür.

  Langsam ging ich aufs Bad zu, traute mich nicht, die Türklinke herunter zu drücken. Mein Herz raste, aber ich wollte ihm helfen. „Thomas. Ich rufe jetzt den Krankenwagen.“ Es kam keine Antwort. „Ich denke nicht, dass dir diese scheiß Pillen was nützen, die du dir seit gestern ununterbrochen reinschmeißt.“

  Es wurde kurz still, merkwürdig still und ich versuchte, etwas zu hören. Mein Ohr war nun dicht ans Holz gelegt, mein Herz schlug schneller. Auf der anderen Seite wurde es wieder lauter, Thomas ächzte. Er tat mir so leid, aber ich konnte mir nicht erklären, was er hatte. Als es in der Nacht anfing, lenkte er immer ab, wenn ich ihn auf sein Problem ansprach. Er war überhaupt komisch, seit er wieder zuhause war. Vielleicht war er noch mit den Folgen des langen Fluges beschäftigt, er kam völlig kaputt in der Nacht an, begrüßte mich kurz und legte sich gleich schlafen, am Ende des Bettes.

  Ein lautes Poltern ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen und ich taumelte erschrocken von der Tür zurück. Thomas kratzte an der Tür, schien etwas zu suchen. Ich lauschte, seine Hand schien zum Türgriff zu wandern, rutschte an der Tür entlang, doch er schaffte es nicht, die Klinke nach unten zu drücken. Trotzdem griff ich instinktiv danach und drückte sie bis zum Anschlag nach oben und hoffte, dass ich sie oben halten konnte, wenn er es doch noch schaffte. Was auch immer da drin vor sich ging, er schien die Kontrolle über sich verloren zu haben und ich hatte nicht vor, ihm so zu begegnen. Wie gut.

 

*

 

Ich traute mich nicht, den Griff der Tür loszulassen, doch ich musste irgendwie Hilfe holen. Ich sah mich um, suchte nach irgendwas, was ich unter die Klinke schieben konnte. Nichts. Doch… das Brett, welches schon seit Wochen im Flur an der Wand lehnte und als Hutablage dienen sollte, aber es war zu kurz. Das Zweite, nun, das lag im Schlafzimmer unterm Bett. Ich würde es nicht allzu schnell holen können, hatte Angst, die Tür zu lange aus den Augen zu lassen. Und das Treiben dahinter machte mir von Minute zu Minute mehr Angst. Noch einmal ließ ich meinen Blick schweifen. Es gab keine andere Möglichkeit, als die schwere Kommode vor die Tür zu schieben.

  Es dauerte einige Minuten, aber ich hatte es geschafft, das Mahagonifarbene Möbelstück mit den vielen Schnörkeln und anderen Verzierungen meiner Urgroßmutter vor die Badezimmertür zu bugsieren. Kalter Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn und ich spürte ihn unter meinen Armen. Egal. Das war geschafft. Nun konnte ich mich um Hilfe kümmern.

  Sofort fiel mir der neue Nachbar ein, der, der so nett war und erst seit wenigen Monaten hier wohnte. Ich vergewisserte mich ein letztes Mal, ob alles hielt und stürmte hinaus in den tristen und immer irgendwie dunklen Hausflur des Hochhauses. Nur wenige Meter und ich hatte mein Ziel erreicht. Mit wild klopfendem Herzen und der wagen Hoffnung, dass Malte zuhause war, klopfte ich aufgeregt an seine Tür. Nichts. Verdammt. Aber ich wollte nicht aufgeben. Wieder klopfte ich, diesmal mit beiden Händen. Sie hämmerten förmlich an die verschlissene Tür mit der goldenen Zahl 319. Gut, die Wohnungen und auch das Haus machten von außen keinen allzu guten Eindruck, eher wie diese Plattenbauten in den alten Bundesländern, aber die Wohnungen waren OK, bewohnbar und vor allem bezahlbar. Auf den kleinen Balkonen konnte man zu Zweit recht gemütlich sitzen, für größere Ansammlungen gab es den Grillplatz am Hauskomplex, auf dem sich meistens besoffene Jugendliche trafen oder Kiffer saßen.

  Ein weiteres Mal schlugen meine Hände auf das dreckig wirkende Holz. Ich war gerade im Begriff zu gehen, als ich hinter der Tür ein Geräusch vernahm und im selben Augenblick riss ein ungepflegter Mann stürmisch die Tür auf. „Was zum… ach, du bist’s. Was gibt’s denn?“ Ein Schwall grau-blauen Rauches zog wirbelnd aus seinem Flur und blieb draußen an der Decke hängen. Ein bedrohlicher Nebeldunst über meinem Kopf und umgehend fing meine Kehle an zu kratzen. Ich hasste Raucher, aber der hier übertrieb es gewaltig.

  „Du musst mir helfen. Thomas… er spinnt und dreht total durch. Er ist krank.“

  „Na, wieder mal zu tief ins Glas geschaut, was?“ Malte wartete keine Antwort ab, die ich ihm auch nicht gab, schnappte sich seinen Schlüssel und eine verschlissene dünne Sportjacke in aufdringlichem Lila und zog die Tür hinter uns zu. „Na, dann komm.“

  Wir eilten zu mir in die Wohnung und Malte schaute verdutzt auf die Kommode vor dem Bad. „Na, also meine Liebe. So schlimm ist er ja nun doch nicht, meinst du nicht?“ Ein Trommeln gegen die Badezimmertür und ein lautes Gurgeln holten ihn in die Realität zurück. „Was macht der da drin?“

  „Ich hab keine Ahnung. Er scheint irgendwie nicht mehr er selbst zu sein.“

  Wir schoben gemeinsam die Kommode zur Seite und ich war erstaunt, wie leicht es ging. Eigentlich bewegte Malte die Kommode ganz allein. Hinter dem schlecht rasiertem Gesicht auf einem kahlen Kopf und dem tätowierten Körper steckte ein gar nicht so übel aussehender Mann.

  Malte griff unbekümmert nach der Türklinke, schien einen betrunkenen Mann zu erwarten. Die Tür war abgeschlossen. Malte sah mich an, ich zuckte nur mit den Schultern und verzog mein Gesicht.

  „Ey Alter, mach kein Scheiß, lass uns rein. Deine Schnecke findet das Spiel gar nicht witzig.“

  Ein lautes Hämmern gegen die Tür erschreckte uns beide. Das Wimmern abgelöst von einem lauten Stöhnen erschreckte selbst Malte, der kurz von der Tür Abstand nahm. Er schob mich zur Seite.

  „Was machen wir denn jetzt? Der kann doch nicht ewig da drin bleiben. Ich ruf jetzt die Polizei.“ Ich selbst spürte in diesem Satz eine unangenehme Hysterie.

  „Nein, Jess, warte noch. Wir könnten ihn dadurch nur in Schwierigkeiten bringen. Ich bin gleich zurück.“

  Der eigentlich athletische Körper mit dem strammen Bauchansatz schob sich hinaus auf den Hausflur. Ich sah, wie Malte in seiner Wohnung verschwand und kurz darauf mit einem Brecheisen wiederkam. Die Zeit war zwar kurz, aber für mich zog sie sich, denn ich rechnete jeden Augenblick damit, dass Thomas aus dem Bad stürmte und auf mich losging. Was mussten das für Hammertabletten sein.

  Wieder schob mich Malte zur Seite und setzte das Brecheisen kräftig zwischen Tür und Rahmen an. Es knackte kurz, er rutschte weg. Noch mal. Kleine Holzstücke fielen mir vor die Füße, ich sah hinunter, dann ein lautes Knacken und die Tür war aufgebrochen. Und im selben Augenblick wünschte ich mir, sie wäre für immer verschlossen geblieben.

 

*

 

Der Gestank, der uns entgegenkam, war kaum zu ertragen. Wir wurden erschlagen von dem Geruch des Todes, es roch derbe nach Verwesung. Thomas hatte sich zwischenzeitlich im Raum umgedreht, war zum Fenster gewand, drehte sich nun aber wieder zu uns um, wir hatten seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Der Anblick, der sich uns bot, war unbeschreiblich. Ich hörte, wie Malte laut schluckte und mich dann erschrocken und verwundert ansah.

  „Pass auf.“ schrie ich gerade noch, als Thomas auch schon auf Malte zustolperte und nach seiner Kehle griff. Ich wich erschrocken zurück, taumelte und knallte mit dem Becken gegen die Kommode, was mir sicher einen ordentlichen blauen Flecken bescheren würde. Aber das war mein geringeres Problem.

  Irgendwie realisierte ich nicht, was grad geschah. Thomas war in Windeseile auf Malte losgestürmt und biss ihm wie ein Bekloppter in den Hals. Dieser trudelte völlig überrascht einige Schritte zurück, griff sich an die Kehle, während er gleichzeitig versuchte, sich Thomas vom Hals zu halten.

  Thomas hingegen war wie entgleist, wie in einer mörderischen Trance gefangen, ließ sich von den Tritten des muskulösen Mannes nicht beeindrucken, obwohl es ihn normalerweise bei seiner Statur von den Füßen gerissen hätte. Immer wieder klappte sein Gebiss aufgeregt und gierig auf und ab. Malte verlor immer mehr an Gleichgewicht und Kraft, hatte aufgehört zu schreien, bis er unter Thomas Bissen und Kratzereien erschöpft zu Boden sank.

  Ich stand unter Schock, sah alles, nur wenige Zentimeter von mir entfernt und doch wie von weit weg, völlig unbeteiligt. Ich stand einfach nur da, sah, was mein Freund oder das was mal mein Freund war, mit meinen Helfer machte.

  Er zerfetzte Malte förmlich, riss mal an seinem Oberkörper, biss dann ins Bein, um sich einen großen Brocken Fleisch herauszureißen. Ich würgte, als ich Fleisch und Blut aus seinem Mund rinnen sah und konnte es nicht mehr zurückhalten, ich stützte mich ab, konnte gerade noch meine Schuhe in Sicherheit bringen und kotzte mir das ganze schöne Frühstück aus dem Hals, nebst dem gestrigen Abendessen, so wie es aussah.

  Angeekelt sah ich gerade hoch, als auch Thomas zu mir aufsah und heftig gluckste. Ich riss meine Augen auf, sah zu ihm und checkte in Sekundenbruchteilen, warum er mich so ansah. Ich war die Nächste auf seinem Speiseplan.

 

*

Thomas saß mir Schweißgebadet gegenüber. Sein aufgesetztes Lächeln hatte sich von jetzt auf gleich in eine schmerzverzerrte Fratze verwandelt. Das Fieber von gestern Nacht schien wieder da zu sein, vielleicht war es auch gar nicht wirklich weg.

  „Thomas, Liebling, alles OK mit dir? Was hast du?“

  Thomas verzog den Mund, seine Stirn gerunzelt. „Diese verdammten Schmerzen. Ich nehm noch ne Tablette, Schatz, dann ist alles wieder gut.“ Er stand auf und ging ins Bad. Angespannt verfolgte ich seine leicht taumelnden Schritte, die abrupt hinter der Badezimmertür verstummten. Ich hörte, wie er etwas ins Waschbecken fallen ließ, was mit einem lauten Klirren endete. „Verdammt.“

  „Thomas, darf ich reinkommen? Brauchst du Hilfe?“ rief ich durch die Tür. Es folgte keine Antwort. Ich war gerade dabei, die Tür aufzuschieben, als sie mir mit einem Knall vor der Nase zugeschlagen wurde. Im selben Augenblick wurde der Schlüssel hastig im Schloss umgedreht. „Was ist denn nur los mit dir?“ schrie ich wütend, versuchte den Mann hinter der Tür zu erreichen.

  „Verschwinde.“ raunte Thomas mir zu und versuchte es mit einem „Bitte.“ freundlicher klingen zu lassen. „Ich erkläre dir alles… später.“

  „Wann denn? Du verschwindest doch ständig.“ rief ich vorwurfsvoll durch die Tür. Und auch wenn uns nur ein etwa vier Zentimeter dickes Holz trennte, so schien mir mein Freund auf einmal so weit weg. Genervt ging ich zurück an den Frühstückstisch. Ich hatte keinen Appetit mehr und starrte einfach Gedankenverloren aus dem Fenster.

  Das leise Knacken des Schlosses rief mich zurück und ich sah zur Wohnzimmertür. Thomas stand vor mir in der Tür, die in unsere offene Küche und das Wohnzimmer führte, er wirkte wie ein Häufchen Elend. Langsam kam er auf mich zu, setzte sich zu mir und versuchte mich mit einem Lächeln zu beruhigen. „Alles OK, meine Liebe. Es geht mir besser.“

  Ein Blick und ich sah die Lüge in seinem Blick, aber ich sah noch etwas: Angst.

 

*

 

Ich wollte gerade aufstehen, um den Tisch frei zu räumen, als Thomas gehetzt aufsprang, wobei er den Stuhl umwarf, der mit einem lauten Scheppern auf die Küchenfliesen donnerte. Vor lauter Schreck ließ ich den Frühstücksteller samt Messer auf den Boden fallen, was nicht weniger laut war. Noch bevor ich begriff, was passiert war, sah ich nur noch, wie Thomas erneut ins Badezimmer stürmte, dabei stolperte, sich fluchend aufraffte und im Bad verschwand.

  Ich kannte ihn schon sehr gut, wusste, wann ich ihm auf die Pelle rücken durfte und wann nicht und dies war so ein Augenblick, wo ich es lieber lassen sollte. Also holte ich das Kehrset und fegte die auf dem Boden verstreuten Tellerstücke zusammen, die mit einem lauten Klirren im Müll verschwanden. Mein Lieblingsteller, typisch. dachte ich. Ich befeuchtete einen Lappen, ging zum Tisch. Eigentlich wollte ich die Marmeladenflecken vom Boden wischen, als ich auf Thomas Seite ein paar frische Bluttropfen entdeckte. Ich befand mich direkt unter dem Tisch und stieß mir tierisch den Kopf, als mich ein lautes Knallen hochschnellen ließ.

  Im Badezimmer ging etwas vor sich, was nicht normal zu sein schien. Immer wieder stöhnte Thomas, er musste große Schmerzen haben, stieß etwas um, kurze Ruhe, dann wieder Lärm, hin und wieder das erneute Poltern gegen die Tür.

  Langsam ging ich aufs Bad zu, traute mich nicht, die Türklinke herunter zu drücken. Mein Herz raste, aber ich wollte ihm helfen. „Thomas. Ich rufe jetzt den Krankenwagen.“ Es kam keine Antwort. „Ich denke nicht, dass dir diese scheiß Pillen was nützen, die du dir seit gestern ununterbrochen reinschmeißt.“

  Es wurde kurz still, merkwürdig still und ich versuchte, etwas zu hören. Mein Ohr war nun dicht ans Holz gelegt, mein Herz schlug schneller. Auf der anderen Seite wurde es wieder lauter, Thomas ächzte. Er tat mir so leid, aber ich konnte mir nicht erklären, was er hatte. Als es in der Nacht anfing, lenkte er immer ab, wenn ich ihn auf sein Problem ansprach. Er war überhaupt komisch, seit er wieder zuhause war. Vielleicht war er noch mit den Folgen des langen Fluges beschäftigt, er kam völlig kaputt in der Nacht an, begrüßte mich kurz und legte sich gleich schlafen, am Ende des Bettes.

  Ein lautes Poltern ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen und ich taumelte erschrocken von der Tür zurück. Thomas kratzte an der Tür, schien etwas zu suchen. Ich lauschte, seine Hand schien zum Türgriff zu wandern, rutschte an der Tür entlang, doch er schaffte es nicht, die Klinke nach unten zu drücken. Trotzdem griff ich instinktiv danach und drückte sie bis zum Anschlag nach oben und hoffte, dass ich sie oben halten konnte, wenn er es doch noch schaffte. Was auch immer da drin vor sich ging, er schien die Kontrolle über sich verloren zu haben und ich hatte nicht vor, ihm so zu begegnen. Wie gut.

 

*

 

Ich traute mich nicht, den Griff der Tür loszulassen, doch ich musste irgendwie Hilfe holen. Ich sah mich um, suchte nach irgendwas, was ich unter die Klinke schieben konnte. Nichts. Doch… das Brett, welches schon seit Wochen im Flur an der Wand lehnte und als Hutablage dienen sollte, aber es war zu kurz. Das Zweite, nun, das lag im Schlafzimmer unterm Bett. Ich würde es nicht allzu schnell holen können, hatte Angst, die Tür zu lange aus den Augen zu lassen. Und das Treiben dahinter machte mir von Minute zu Minute mehr Angst. Noch einmal ließ ich meinen Blick schweifen. Es gab keine andere Möglichkeit, als die schwere Kommode vor die Tür zu schieben.

  Es dauerte einige Minuten, aber ich hatte es geschafft, das Mahagonifarbene Möbelstück mit den vielen Schnörkeln und anderen Verzierungen meiner Urgroßmutter vor die Badezimmertür zu bugsieren. Kalter Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn und ich spürte ihn unter meinen Armen. Egal. Das war geschafft. Nun konnte ich mich um Hilfe kümmern.

  Sofort fiel mir der neue Nachbar ein, der, der so nett war und erst seit wenigen Monaten hier wohnte. Ich vergewisserte mich ein letztes Mal, ob alles hielt und stürmte hinaus in den tristen und immer irgendwie dunklen Hausflur des Hochhauses. Nur wenige Meter und ich hatte mein Ziel erreicht. Mit wild klopfendem Herzen und der wagen Hoffnung, dass Malte zuhause war, klopfte ich aufgeregt an seine Tür. Nichts. Verdammt. Aber ich wollte nicht aufgeben. Wieder klopfte ich, diesmal mit beiden Händen. Sie hämmerten förmlich an die verschlissene Tür mit der goldenen Zahl 319. Gut, die Wohnungen und auch das Haus machten von außen keinen allzu guten Eindruck, eher wie diese Plattenbauten in den alten Bundesländern, aber die Wohnungen waren OK, bewohnbar und vor allem bezahlbar. Auf den kleinen Balkonen konnte man zu Zweit recht gemütlich sitzen, für größere Ansammlungen gab es den Grillplatz am Hauskomplex, auf dem sich meistens besoffene Jugendliche trafen oder Kiffer saßen.

  Ein weiteres Mal schlugen meine Hände auf das dreckig wirkende Holz. Ich war gerade im Begriff zu gehen, als ich hinter der Tür ein Geräusch vernahm und im selben Augenblick riss ein ungepflegter Mann stürmisch die Tür auf. „Was zum… ach, du bist’s. Was gibt’s denn?“ Ein Schwall grau-blauen Rauches zog wirbelnd aus seinem Flur und blieb draußen an der Decke hängen. Ein bedrohlicher Nebeldunst über meinem Kopf und umgehend fing meine Kehle an zu kratzen. Ich hasste Raucher, aber der hier übertrieb es gewaltig.

  „Du musst mir helfen. Thomas… er spinnt und dreht total durch. Er ist krank.“

  „Na, wieder mal zu tief ins Glas geschaut, was?“ Malte wartete keine Antwort ab, die ich ihm auch nicht gab, schnappte sich seinen Schlüssel und eine verschlissene dünne Sportjacke in aufdringlichem Lila und zog die Tür hinter uns zu. „Na, dann komm.“

  Wir eilten zu mir in die Wohnung und Malte schaute verdutzt auf die Kommode vor dem Bad. „Na, also meine Liebe. So schlimm ist er ja nun doch nicht, meinst du nicht?“ Ein Trommeln gegen die Badezimmertür und ein lautes Gurgeln holten ihn in die Realität zurück. „Was macht der da drin?“

  „Ich hab keine Ahnung. Er scheint irgendwie nicht mehr er selbst zu sein.“

  Wir schoben gemeinsam die Kommode zur Seite und ich war erstaunt, wie leicht es ging. Eigentlich bewegte Malte die Kommode ganz allein. Hinter dem schlecht rasiertem Gesicht auf einem kahlen Kopf und dem tätowierten Körper steckte ein gar nicht so übel aussehender Mann.

  Malte griff unbekümmert nach der Türklinke, schien einen betrunkenen Mann zu erwarten. Die Tür war abgeschlossen. Malte sah mich an, ich zuckte nur mit den Schultern und verzog mein Gesicht.

  „Ey Alter, mach kein Scheiß, lass uns rein. Deine Schnecke findet das Spiel gar nicht witzig.“

  Ein lautes Hämmern gegen die Tür erschreckte uns beide. Das Wimmern abgelöst von einem lauten Stöhnen erschreckte selbst Malte, der kurz von der Tür Abstand nahm. Er schob mich zur Seite.

  „Was machen wir denn jetzt? Der kann doch nicht ewig da drin bleiben. Ich ruf jetzt die Polizei.“ Ich selbst spürte in diesem Satz eine unangenehme Hysterie.

  „Nein, Jess, warte noch. Wir könnten ihn dadurch nur in Schwierigkeiten bringen. Ich bin gleich zurück.“

  Der eigentlich athletische Körper mit dem strammen Bauchansatz schob sich hinaus auf den Hausflur. Ich sah, wie Malte in seiner Wohnung verschwand und kurz darauf mit einem Brecheisen wiederkam. Die Zeit war zwar kurz, aber für mich zog sie sich, denn ich rechnete jeden Augenblick damit, dass Thomas aus dem Bad stürmte und auf mich losging. Was mussten das für Hammertabletten sein.

  Wieder schob mich Malte zur Seite und setzte das Brecheisen kräftig zwischen Tür und Rahmen an. Es knackte kurz, er rutschte weg. Noch mal. Kleine Holzstücke fielen mir vor die Füße, ich sah hinunter, dann ein lautes Knacken und die Tür war aufgebrochen. Und im selben Augenblick wünschte ich mir, sie wäre für immer verschlossen geblieben.

 

*

 

Der Gestank, der uns entgegenkam, war kaum zu ertragen. Wir wurden erschlagen von dem Geruch des Todes, es roch derbe nach Verwesung. Thomas hatte sich zwischenzeitlich im Raum umgedreht, war zum Fenster gewand, drehte sich nun aber wieder zu uns um, wir hatten seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Der Anblick, der sich uns bot, war unbeschreiblich. Ich hörte, wie Malte laut schluckte und mich dann erschrocken und verwundert ansah.

  „Pass auf.“ schrie ich gerade noch, als Thomas auch schon auf Malte zustolperte und nach seiner Kehle griff. Ich wich erschrocken zurück, taumelte und knallte mit dem Becken gegen die Kommode, was mir sicher einen ordentlichen blauen Flecken bescheren würde. Aber das war mein geringeres Problem.

  Irgendwie realisierte ich nicht, was grad geschah. Thomas war in Windeseile auf Malte losgestürmt und biss ihm wie ein Bekloppter in den Hals. Dieser trudelte völlig überrascht einige Schritte zurück, griff sich an die Kehle, während er gleichzeitig versuchte, sich Thomas vom Hals zu halten.

  Thomas hingegen war wie entgleist, wie in einer mörderischen Trance gefangen, ließ sich von den Tritten des muskulösen Mannes nicht beeindrucken, obwohl es ihn normalerweise bei seiner Statur von den Füßen gerissen hätte. Immer wieder klappte sein Gebiss aufgeregt und gierig auf und ab. Malte verlor immer mehr an Gleichgewicht und Kraft, hatte aufgehört zu schreien, bis er unter Thomas Bissen und Kratzereien erschöpft zu Boden sank.

  Ich stand unter Schock, sah alles, nur wenige Zentimeter von mir entfernt und doch wie von weit weg, völlig unbeteiligt. Ich stand einfach nur da, sah, was mein Freund oder das was mal mein Freund war, mit meinen Helfer machte.

  Er zerfetzte Malte förmlich, riss mal an seinem Oberkörper, biss dann ins Bein, um sich einen großen Brocken Fleisch herauszureißen. Ich würgte, als ich Fleisch und Blut aus seinem Mund rinnen sah und konnte es nicht mehr zurückhalten, ich stützte mich ab, konnte gerade noch meine Schuhe in Sicherheit bringen und kotzte mir das ganze schöne Frühstück aus dem Hals, nebst dem gestrigen Abendessen, so wie es aussah.

  Angeekelt sah ich gerade hoch, als auch Thomas zu mir aufsah und heftig gluckste. Ich riss meine Augen auf, sah zu ihm und checkte in Sekundenbruchteilen, warum er mich so ansah. Ich war die Nächste auf seinem Speiseplan.

© by Autorenservice Ostholstein

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8.9. Rebecca van Deyk Tag